Blutzuckermessgerät Abbott FreeStyle Libre2 – ein Erfahrungsbericht

Meine Frau plagt sich seit 1997 mit einem Diabetes mellitus herum – zunächst als Schwangerschaftsdiabetes, später dann als insulinpflichtiger Typ 1 manifestiert. Über die Jahre – man kann ja schon von Jahrzehnten reden – ist ihr die Blutzuckerbestimmung mit dem regelmäßigen, täglich mehrfachen „Piecks“ in den Finger zur Routine geworden, gehört zum Alltag wie Essen und Trinken.
Die Geräte würden über die Jahre kleiner und leichter, die Displays schicker und die einzelnen, immer als Müll zurückbleibenden Teststreifen wurden zu Kassetten, die man regelmäßig austauschen musste. Aber eines blieb stets beim alten: das Stechen in den Finger, um einen kapillaren Blutstropfen zur Messung zu bekommen.

Seit etwa vier Jahren gibt es von der Firma Abbott ein Blutzuckermessgerät, das auf Sensortechnik setzt, die den Blutzucker im interstitiellen, also Zwischenzellgewebe bestimmt. Der Sensor wird am Oberarm angebracht, ein klitzekleiner Plastikschlauch steckt im Unterhautfettgewebe und misst dort dauerhaft den Blutzuckerspiegel. Stimmt – ich schreibe hier „misst Blutzuckerspiegel“, das stimmt natürlich im Wortsinne nicht, gemessen wird tatsächlich der Zuckerspiegel im Zwischenzellgewebe, der aber dem Blutzuckerspiegel sehr sehr nahe kommt.

Dieser Sensor muss nur noch alle zwei Wochen ausgetauscht werden und wird mit einem Messgerät via NFC (Near-Field-Communication, als Nahfunk“) auslesen. Das ganze ist sogar mit einem Smartphone möglich. Inzwischen gibt es Messgerät und Sensoren in Version 2. Der riesengroße Vorteil; die neue Version ermöglicht Alarme, das bedeutet, des Messgerät resp. das Smartphone alarmieren den Nutzer, wenn der Zuckerwert eine eingestellte Messgrenze unter- oder überschreitet. Man wird also informiert, bevor man in eine Unterzuckerung abrutscht und kann frühzeitig gegenlenken.

Wie ist denn nun die Praxis?

Nach langem Zögern und der Überlegung, ob denn dieses neue System praktikabel ist, wie es denn, gerade im Sommer mit kurzen Ärmeln, aussieht, wenn man immer einen „Nöpsie“ am Arm hat und ob man damit nicht überall hängen bleibt, immer wiederkehrenden positiven Erfahrungsberichten aus dem Patientenstamm des Diabetologen entschied sich meine Frau im April dazu, das FreeStyle Libre2 doch auszuprobieren. Mit noch immer gesunder Skepsis.
Das erste Problem, das sich ihr in den Weg stellte, war die Kostenübernahme durch die Krankenkasse. Die hatte wir Abbott zwar bereits einen Vertrag über das FreeStyle Libre, aber nicht über das FreeStyle Libre2. Und da beide System nicht wirklich miteinander kompatibel sind und sie nicht mit der alten Version in den Test einsteigen wollte – die Alarmfunktion ist ja das vermeintlich spannende Kriterium gewesen – wollten wir eine Einzelfallentscheidung erwirken, um nicht auf den Kosten sitzenzubleiben. Im übrigen kann nur der Einweihte verstehen, warum die Kostenträger hier einen Unterschied machen, zumal die vom Hersteller aufgerufenen Kosten sowohl für Messgerät wie auch Sensoren die gleichen sind.

Dieser bürokratische Vorgang hat sich bis Juni hingezogen – und ab 01. Juli bestand nun unverhofft plötzlich ein Vertrag zwischen unserer Krankenkasse und Abbott. Also hatte sich das Problem über Nacht in Luft aufgelöst. So kann es gehen.

Also nach Onlineregistierung auf https://www.freestylelibre.de/libre/ aktuelles Rezept per Post ab zu Abbott – und zwei Tage später stand der Postbote mit dem Paket voller FreeStyleLibre2-Sensoren und einem Messgerät vor der Tür.

Das „Starterpaket“ mit Messgerät, Sensoren und Anleitung

Enthalten ist auch eine sehr ausführliche und bebilderte Anleitung zur Inbetriebnahme des Messgerätes und zum Setzen des Sensors. Man muss sich ein wenig Zeit und Ruhe nehmen, um den Sensor am hinteren Bereich des Oberarmes anzubringen. Aber mit dem mitgelieferten, nur einmal nutzbaren und für jeden Sensor individuell zugeordneten Applikator war es letztlich bereits beim ersten Mal problemlos möglich, den Sensor korrekt zu platzieren. Übrigens absolut schmerzfrei.

Sensor und Applikator

Nun noch dass Messgerät einschalten, den Anweisungen auf dem Bildschirm folgen und den Sensor aktivieren. Von Aktivierung bis zum ersten Messergebnis vergehen 60 Minuten, die noch übrige Zeit wird aber auf dem großen Display des Messgerätes angezeigt. Genauso wie die noch verbleibende Lebensdauer des Sensors, die nach 14 Tagen endet. Dann muss ein neuer her.
Die Aktivierung ist wahlweise auch mit einem Smartphone möglich, es gibt entsprechende Apps sowohl für iOS (iPhone) wie auch Android (Samsung, Huawei, Sony, Google etc.). Einzige Einschränkung: die Alarme kommen nur auf dem Gerät an, mit dem der Sensor aktiviert wurde, nicht auf beiden. Eine Messung hingegen ist mit beiden Geräten möglich. Da muss jede/r Nutzer/in ausprobieren, was praktikabler erscheint. Spätestens nach acht Stunden muss eine neue Messung erfolgen, sonst ist die angezeigte Verlaufskurve unterbrochen und der Speicher des Sensors kann keine weiteren Daten erfassen. Lässt man alles über das Smartphone laufen, spart man ein Gerät. Apropos Gerät: Das Messgerät hat einen fest eingebauten Akku, der via Mikro-USB aufgeladen wird.

Was nun die tägliche Nutzung betrifft, war es trotz der gesunden Skepsis, die ich oben noch beschrieb, dann doch schon fast so etwas wie Liebe auf den ersten Blick. Denn es ist im Alltag eine unglaubliche Erleichterung, zur Blutzuckerbestimmung einfach Messgerät oder Smartphone an den Oberarm zu halten und sofort einen Messwert zu erhalten. Auch die Alarme sind praktisch und funktionieren zuverlässig, gehen sie auf das iPhone, sind sie sogar an der Apple Watch sichtbar.
So wird der Blutzucker deutlich häufiger bestimmt, wird besser im Wunschbereich gehalten und wirkt sich somit auch positiv auf die Langzeitentwicklung (Stichwort HbA1C) aus. Keine Fehlermeldung mehr wie „zu wenig Blut“, „Wert nicht messbar“, „Kassette defekt“ oder sonstige Schwierigkeiten, die nicht selten zu einem zweiten Stechen für die Blutgewinnung führten.

Gibt es ein „Aber…“?

Nicht direkt. Doch gibt es auch einige – zu verschmerzende! – Tücken.
Nach kurzer Zeit hatte sich meine Frau so sehr an den Sensor gewöhnt, dass sie ihn nicht mehr bemerkte und mehr oder weniger vergaß. So blieb sie eines Abends mit dem BH-Träger daran hängen und entfernte den Sensor ungewollt schwungvoll, aber wenigstens schmerzfrei vom Arm. Das kann natürlich passieren – dann muss eben ein neuer her.
Das Streifen eines Türrahmens oder anderer im Weg befindlichen Dinge führt nicht zu Problemen – aber dafür ungeahnt etwas ganz anderes, das wir so nicht auf dem Plan hatten, aber eigentlich eine logische Schwierigkeit darstellt: Schweiß. Das stellte sich in diesem sehr heißen Sommer heraus, als meine Frau unter wirklich ungünstigen Voraussetzungen auf dem Parkplatz der Karl-May-Spiele in Bad Segeberg in praller Sonne „mal eben noch schnell“ mehr oder weniger zwangsweise einen neuen Sensor anbringen musste, weil der alte nach wenigen Stunden unvermittelt den Betrieb einstellte. Protipp: auf Reisen immer einen Ersatzsensor mitnehmen. Für alle Fälle. Das hatten wir vorsorglich getan – zum Glück. Allerdings löste sich der neue Sensor recht schnell auf einer Seite etwas ab; die freundlichen Helfer im Doctor´s Office von Karl May halfen uns schnell mit etwas Leukosilk. Es war der dritte Fall dieser Art an diesem sehr heißen Tag, auch eine Helferin selbst war betroffen. Manchmal sind es schon lustige Zufälle.
Allerdings ist Schweiß aus unserer Erfahrung heraus nur ein Problem, wenn er während der Installation des Sensors auf der Haut ist. Klebt er einmal, dann klebt er. Auch wenn es heiß ist und man stärker schwitzt. Aber da ist sicher jede Haut und jede Schweißzusammensetzung individuell anders – da ist unsere Erfahrung also nicht unbedingt allgemeingültig.

Um einen sicheren Halt zu gewährleisten gibt es Sensorhalter zum Beispiel bei www.zuckerschmuck.com – dort kann man übrigens auch Sticker zum Verschönern bestellen. Allerdings sind die Sensorhalter starr und kantig – hier sehen wir die Gefahr, irgendwo hängen zu bleiben noch mehr, als beim Sensor allein. Ein Produkt aus Silikon statt Hartkunststoff wäre da vermutlich deutlich sinnvoller.
Eine weitere Möglichkeit bieten Kinesiologie-Tapes oder selbsthaftende Bandagen, die man kostengünstig in jeder Drogerie oder Apotheke bekommt. In verschiedenen Farben erhältlich, kann man die Tapes mit einer Schere auf die gewünschte Größe und Form bringen und über den Sensor kleben. Das verhindert übrigens auch das versehentliche Entfernen des Sensors mit einem BH-Träger.
Die Bandagen hingegen kann man gerade für kurzfristigen Schutz sehr gut nutzen, da sie sich einfach und problemlos wieder entfernen lassen.


Leider mussten wir bereits zwei Mal die Erfahrung machen, dass die Sensoren deutlich vor dem Ablauf ihrer angegebenen Lebensdauer den Dienst quittierten, einer sogar wie oben erwähnt bereits nach rund 12 Stunden.
Nach einem Anruf bei Abbott wurde nach einigen Tagen ein neuer Sensor zugestellt, der alte ging mit einem ebenfalls zugesendeten Freiumschlag zur weiteren Untersuchung zurück zum Hersteller.

Was ist noch wünschenswert?

Eigentlich nicht viel: Alarme auf mehreren Geräten (Messgerät UND Smartphone) und eine Stand-Alone-App für die Apple Watch. Drahtlose Synchronisierung der erfassten Daten im Hintergrund über WLAN, gerne über ein Online-Portal. Und vielleicht einen noch etwas kleineren und flacheren Sensor. Ansonsten: ein tolles Ding, das FreeStyleLibre2, eine klare Empfehlung für alle, die regelmäßig ihren Zucker messen müssen. Es macht den manchmal nervigen Diabetiker-Alltag etwas angenehmer.

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4 Antworten

  1. Sehr interessanter und detailliert geschriebener Erfahrungsbericht, sage ich mal so als gelernter Krankenpfleger. Den werde ich gleich einer Freundin empfehlen, die ebenfalls seit Jahrzehnten BZ-Messungen vornehmen muss.

    • Schubladenspion sagt:

      Vielen Dank für das Feedback, das freut mich sehr zu lesen! Der Beitrag ist selbstverständlich #iPadonly entstanden, inklusive der dafür nötigen kleinen Bildbearbeitungen. 😉

  2. Der woody sagt:

    Dem ist nix hinzuzufügen! Meine Tochter nutzt den libre, leider noch ohne Alarm, seit ca 1,5 Jahren! Eine echte Erleichterung!

    • Schubladenspion sagt:

      Danke! Und es ist schön zu hören, dass Ihr ebenso positive Erfahrungen gemacht habt. Der Umstieg auf Version 2 ist lohnenswert. 😉

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